Direkt zum Inhalt

Heike Kammer: Ein Interview über 40 Jahre Mut, Zusammenhalt und Widerstand

Heike Kammer

Heike Kammer war zwischen 1986 und 2006 für PBI in Guatemala, El Salvador, Mexiko und Kolumbien im Bereich der gewaltfreien Konfliktbearbeitung tätig. 1989 gründete sie gemeinsam mit Werner Huffer und Heinke Wendt PBI Deutschland. Heute tourt sie als Puppenspielerin und Bildungsreferentin für PBI durch Deutschland. 

PBI Deutschland: Du bist quasi ein PBI-Urgestein. Wie hast du die Organisation kennengelernt?

Heike: Zum ersten Mal in Kontakt kam ich mit PBI 1986 in Guatemala, während ich mit anderen Aktivist*innen auf einem Friedensmarsch durch Mittelamerika unterwegs war. In Guatemala waren zu Zeiten der Militärdiktatur bereits über 40.000 Menschen verschwunden. Ihre Angehörigen – meist Frauen – suchten nach ihnen und fanden Frauen in ähnlicher Lage. Sie organisierten sich und halfen einander in der Grupo de Apoyo Mutuo (GAM). Das Haus für das internationale Friedensteam stellte PBI auch ihnen zur Verfügung.

Wie war damals die Sicherheitslage für die PBI-Freiwilligen?

Ende der 1980er Jahre gab es anonyme Drohungen gegen PBI und die GAM. Bei einem Handgranatenangriff wurde zwar niemand verletzt, aber unser Haus wurde zerstört. Die Guatemalteken nannten uns ihren Schutzschirm. Sie sagten, diese Angriffe würden dazu führen, dass der Schirm Löcher bekäme. Falls wir aber das Land verliessen, wäre gar kein Schirm mehr da und die Bevölkerung wäre der Gefahr schutzlos ausgeliefert. Zur gleichen Zeit in El Salvador begannen die Guerilla FMLN und das Militärregime sich zu bekämpfen – wie immer litt die Zivilgesellschaft am meisten. Unzählige Menschen verliessen das Land oder wurden vertrieben. Uns PBI-Freiwilligen in der Region wurde klar, dass wir selbst in Sicherheit leben müssten, um Schutz bieten zu können. Wir hatten dafür zu sorgen, die Löcher im Schutzschirm auf allen Ebenen zu stopfen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit heute von vor 40 Jahren?

Es gibt einige Veränderungen in Bezug auf die Personen, die die Schutzbegleitung in Anspruch nehmen. Anfangs wurden in Guatemala hauptsächlich Angehörige von Verschwundenen und Witwen der Ermordeten begleitet, die in den 1980er Jahren Opfer von Gewalt durch die Militärdiktatur wurden. Bald kamen Organisationen der Landbevölkerung und Gewerkschafter*innen hinzu, die sich um die wirtschaftlichen Rechte der Menschen bemühten. Heutzutage nehmen die Kämpfe für Lebensraum und Umweltschutz stark zu [...] Auch die Gruppe der Begleitpersonen setzt sich anders zusammen als früher, denn die Teams sind noch internationaler geworden. Es gibt heute beispielsweise viel mehr Freiwillige in Lateinamerika, die vom gleichen Kontinent kommen. Damals waren sie vergleichsweise schlechter geschützt als jemand aus Europa. Das ist zwar noch immer eine internationale Realität, jedoch sind wir als Gesamtorganisation sichtbarer und bekannter geworden, nicht zuletzt durch die Kennzeichnung mit den PBI-Westen. Der Begleitschutz an sich hat sich ebenfalls verlagert: Physische Begleitung findet weiterhin statt, gleichzeitig haben aber die Advocacy-Arbeit und die Vernetzung mit politischen Entscheidungsträger*innen sowie die Arbeit am PC an Bedeutung gewonnen. Und so nahm die physische Schutzbegleitung über die Jahre ab.

Wie kann man sich das erklären? Der Schutz wird ja nach wie vor benötigt.

Wir mussten lernen, dass Schutz nicht automatisch entstand, sobald die Freiwilligen körperlich anwesend waren. Er musste aufgebaut werden – mit Hilfe einer wirksamen, internationalen Öffentlichkeitsarbeit und sehr viel Advocacy-Arbeit. Während wir damals per Faxgerät Nachrichten ins internationale Büro nach Kanada schickten, um über die Lage in den Ländern zu berichten, tragen die technischen Möglichkeiten heute dazu bei, dass die Öffentlichkeit viel schneller informiert werden kann. Die Sichtbarmachung war also schon immer eine unserer Hauptaufgaben. Nur so kann der Schutzschirm wirken, auch wenn wir nicht direkt dabei sind.

Was wünscht du dir für PBI?

Ich wünsche mir, dass PBI weiterhin dabeibleibt und sich noch stärker mit anderen Organisationen vernetzt. Mittlerweile wird PBI in den meisten Projektländern anerkannt und von großen Teilen der Bevölkerung respektiert. Damit das so bleibt, müssen unsere Prinzipien, die bereits seit der Gründung bestehen, weiter mit Leben gefüllt werden. Ein aktuelles Beispiel ist Kolumbien. Neben all der Gewalt sind die Entwicklungen auch hoffnungsvoll. Da gibt es Mut und Zusammenhalt. In den sozialen Medien ist zu sehen, wie kreativ die Menschen auf die Straße gehen. Es entstehen Karnevalproteste, die wirklich gewaltfreien Widerstand leisten. PBI ist ein Teil davon.