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Manuel Müller: "Die Corona-Krise hat mein Leben als PBI-Freiwilliger auf den Kopf gestellt."

Manuel Müller: "Die Corona-Krise hat mein Leben als PBI-Freiwilliger auf den Kopf gestellt."
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Der PBI-Freiwillige Manuel Müller beschreibt im Interview, wie sich sein Leben und seine Arbeit durch Covid-19 verändert haben und was nun die grössten Herausforderungen sind. Er arbeitet seit September 2019 in Kolumbien, wo er unter anderem die Friedensgemeinde San José de Apartadó bei der Verteidigung der Menschenrechte begleitet und unterstützt.

Wie und wo hast du von den plötzlichen und einschneidenden Massnahmen der kolumbianischen Regierung bezüglich der Corona-Krise erfahren? Wie war deine erste Reaktion darauf?

Bis anfangs März habe ich die Corona-Krise zwar aufmerksam in den Medien verfolgt, sie schien mir aber weit weg. Dann habe ich während einer Woche die Friedensgemeinde bei der Arbeit auf einer ihrer Fincas begleitet, ohne Handyempfang, ohne Zugang zu News und mental noch viel weiter weg vom Thema. Als ich nach einer Woche ins PBI-Haus nach Apartadó zurückkehrte, wurde mir bewusst, dass die Krise nun definitiv auch in Kolumbien angekommen war.

Während meiner Abwesenheit ergriff die Regierung die ersten Massnahmen und auch PBI passte sich den neuen Umständen an. Niemand wusste genau, wie wir weiterarbeiten konnten. Ich war vor allem überrascht und musste dies zuerst einmal verarbeiten. Dann ging es sehr schnell. Tag für Tag verordnete die Regierung einschneidendere Massnahmen und schloss schliesslich die Grenzen nur ein paar Tage nach meiner Rückkehr aus der Friedensgemeinde. Ich hatte gar keine Zeit, um mir ein Bild von der Situation zu machen.

Mehrere Freiwillige aus deinem Team sind aufgrund der Corona-Krise in ihre Herkunftsländer zurückgereist. Wieso hast du dich dazu entschieden, vor Ort zu bleiben?

Ein wichtiges Argument war für mich die Situation der begleiteten Organisationen und Gemeinschaften, die aufgrund der Abwesenheit von kolumbianischen und internationalen Organisationen deutlich verletzlicher sind als unter normalen Umständen. Es hat sich gezeigt, dass illegale Gruppierungen die Abwesenheit von Organisationen und die fehlende Medienpräsenz ausnutzen. Viele Regionen sind momentan doppelt «eingesperrt»: Einerseits dürfen die Kleinbäuerinnen und -bauern aufgrund des Coronavirus die Dörfer nicht verlassen, was die Bewirtschaftung der Felder verunmöglicht, andererseits schränkt die stärkere Präsenz von illegalen Gruppen die Bewegungsfreiheit weiter ein. Ohne Eingreifen des Staats führt dies unausweichlich zu einer humanitären Katastrophe.

Deswegen arbeiten wir im Rahmen unserer Möglichkeiten weiter und sind in permanentem Austausch mit den begleiteten Organisationen. Zudem sind wir auf politischer Ebene sehr aktiv. Advocacyarbeit ist momentan extrem wichtig und trägt einen wichtigen Teil zum Schutz der Menschenrechte bei. So entschied ich vor Ort zu bleiben, damit in dieser schwierigen Situation die Menschenrechte weiterhin prioritär behandelt werden.

Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf dein Leben und deine Arbeit mit PBI in Kolumbien? Welches sind die grössten Herausforderungen?

Die Corona-Krise hat mein Leben auf den Kopf gestellt, wie wohl das vieler anderer genauso. In Kolumbien gilt momentan eine Ausgangssperre, die auch konsequent umgesetzt wird. Im Gegensatz zu einem Grossteil der Bevölkerung, die informell arbeitet, sind wir als PBI-Freiwillige natürlich in einer privilegierten Situation, da wir keine finanziellen oder existenziellen Sorgen haben und psychologisch begleitet werden.

Die Arbeitsbelastung hat sich nicht verändert. PBI hat die Arbeit den neuen Umständen angepasst und wir nutzen alle vorhandenen Ressourcen, damit sich die Menschenrechtssituation nicht verschlechtert. In dieser speziellen Situation hat sich auch eine neue Solidarität unter den hier ansässigen Organisationen entwickelt und man hilft sich, wo man kann.

Eine der grössten Herausforderungen ist momentan die fehlende Aufmerksamkeit gegenüber den Menschenrechten. Die Corona-Krise hat den Menschenrechtsverletzungen sozusagen den Rang abgelaufen, sowohl in den Medien als auch in den staatlichen Institutionen. Auch deswegen ist es enorm wichtig, dass PBI die Arbeit konsequent weiterführt. 

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