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Tanja Vultier in Kolumbien: Eine Friedensgemeinde wird volljährig

Eine Friedensgemeinde wird volljährig

Es ist ein sehr emotionaler Moment, als Mitglieder der Friedensgemeinde ein riesiges weisses Transparent ausrollen, auf dem die Namen von mehr als 350 Personen stehen, welche seit der Gründung der Friedensgemeinde San José de Apartadó 1997 von der Guerilla, dem Militär oder Paramilitärs ermordet worden sind.

Heute findet die Gedenkfeier zum 18-jährigen Bestehen der Friedensgemeinde statt und Eduardo und ich sind gemeinsam mit anderen Freiwilligen angereist, um daran teilzunehmen. Es fällt mir schwer, mir das Ausmass dieser Tragödie plastisch vor Augen zu führen. Ich schaue mich um und zähle die Leute, welche an der Gedenkmesse teilnehmen, die Pater Javier Giraldo für die Gemeinde liest – es sind um die 50 Personen. Auf dem Transparent stehen siebenmal so viele Namen und jeder steht für eine Person wie diejenige neben mir, für eine Mutter, ein Kind, einen Bruder, eine Freundin. Alle sind Bäuerinnen und Bauern, die Kakao, Maniok, Bananen, Zuckerrohr und Reis anbauen und die zu ihrem Unglück in einem der ressourcenreichsten Gebiete von Kolumbien leben und deswegen sehr vielen wirtschaftlichen Interessen im Weg stehen. Mir wird schwer ums Herz und ich erinnere mich, dass ich genau deswegen hier bin: Um dazu beizutragen, dass in Zukunft hoffentlich keine Listen mit Namen mehr geschrieben werden müssen.

Verletzliche Neutralität

Gleichzeitig bewundere ich die Kraft der Menschen, trotz der Trauer, den Anfeindungen und der ständigen Bedrohungslage an ihrem Beschluss festzuhalten, sich ganz aus dem bewaffneten Konflikt zwischen Militärs und Paramilitärs auf der einen und Guerilla auf der anderen rauszuhalten. Die Friedensgemeinde schuf sich 1997 aus der Not heraus, als Zivilpersonen weder als Teil der Guerilla noch als Unterstützer des Militärs beschuldigt und deswegen von der Gegenseite bestraft zu werden. Die Mitglieder der Friedensgemeinde verpflichten sich, keine Waffen zu tragen und keiner der beiden Seiten Informationen oder logistische Unterstützung zu liefern. Sie erhofften sich damit ein Ende des Terrors und der Morde. Leider wurde ihr Wunsch nicht erfüllt und ihr Recht auf Neutralität im Konflikt von keiner Seite respektiert. Bis heute werden Mitglieder der Gemeinde bedroht oder gar ermordet. Eines der schlimmsten Massaker ereignete sich 2005, als Paramilitärs gemeinsam mit den staatlichen Streitkräften auf brutalste Weise zwei Familien ermordeten, darunter einen der Gemeinschaftsführer sowie drei Kinder im Alter von 11 Jahren, 5 Jahren und 18 Monaten.

Ein Kuchen für jedes Jahr

Die Massaker und Morde waren auch während der Feier sehr präsent: Verschiedene Augenzeugen, die von den erlebten Grausamkeiten berichteten und ein grosses Gemälde von Doña Brígida, der Künstlerin und einer der Gründerinnen der Gemeinde, liessen die vergangenen Ereignisse wieder aufleben. Gleichzeitig war es aber auch ein Fest der Freude über die Erfolge und eines der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Gedenkort war mit Ballonen, Girlanden und Bananenstauden geschmückt und die Gemeinschaft hatte 18 verschiedene Kuchen aus selbst angebauten Zutaten gebacken, für jedes Jahr als Friedensgemeinde einen. „Es ist schön zu sehen, wie wir als einfache Bauern, als Zivilbevölkerung ohne Waffen, es geschafft haben, hier auf unserem Land zu bleiben und es zu verteidigen“, erklärte Gildardo Tuberquia, einer der Gemeinschaftsführer, „und wir werden es auch weiterhin schaffen, indem wir uns organisieren“. Ich hoffe, dass er Recht behält und dass die Gemeinschaft noch viele weitere Jahrestage feiern wird.

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