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Mexiko: Interview mit Emilie de Wolf von der feministischen Organisation Consorcio Oaxaca

Mexiko: Consorcio Oaxaca

Emilie de Wolf, ehemalige PBI-Freiwillige, arbeitet aktuell bei Consorcio Oaxaca (CO), einer mexikanischen Organisation, die sich für den parlamentarischen Dialog und die Gleichberechtigung einsetzt. CO hat sich dem Schutz von Menschenrechtsverteidigerinnen verschrieben und wird seit 2016 von PBI begleitet. PBI Schweiz hat sich mit Emilie darüber unterhalten, welchen Risiken Menschenrechtsverteidigerinnen im Alltag ausgesetzt sind und wie das CO den betroffenen Frauen einen integralen Schutz bietet.

PBI: Wieso hat die Organisation Consorcio Oaxaca (CO) einen feministischen Ansatz gewählt?

Der feministische Ansatz gehört seit jeher zur Identität des CO. Seit den Anfängen beschäftigt sich das CO mit Fragen geschlechtsspezifischer Gewalt, wie Femiziden, also Frauentötungen, oder der politischen Partizipation von indigenen Frauen. In Mexiko werden täglich sechs Frauen umgebracht. Im Bundesstaat Oaxaca ist das Ausmass der Gewalt in Form von Waffengebrauch, erzwungenem Verschwindenlassen und sexueller Gewalt speziell hoch. Insbesondere Frauen, welche sich gegen diese Gewalt aussprechen, werden häufig bedroht. Aus diesem Grund hat das CO vor 10 Jahren angefangen, Fälle von Menschenrechtsverteidigerinnen zu begleiten. Letztere werden aufgrund von Drohungen und Attacken gegen sie oder ihre Familien oft dazu gezwungen ihr Engagement aufzugeben. Diese Frauen setzen sich nebst einer bezahlten Arbeit meistens ehrenamtlich für die Menschenrechte ein, was zu extremer Stressbelastung führen kann. Zusätzlich zu den externen Drohungen, sind sie zudem auch Innerhalb der sozialen Bewegungen sexueller Gewalt ausgesetzt. 

Das CO deckt diese Probleme mit ihrer Arbeit auf und koordiniert seit 2010 gemeinsam mit Vertreterinnen anderer im selben Feld tätigen Organisationen das Netzwerk 'Mesoamerikanische Initiative von Menschenrechtsverteidigerinnen' (im-defensoras.org)

Worin besteht deine Arbeit?

Ich bin Teil des Teams für den integralen feministischen Schutz und die internationale Advocacy-Arbeit. Im Zentrum steht die Problematik der Übergriffe gegen Aktivistinnen in Oaxaca, welche durch die Risikoanalyse, die Ausarbeitung von Schutzmassnahmen und internationaler Advocacy angegangen wird. Die Schutzmassnahmen beinhalten emotionale Unterstützung, psychosoziale Arbeit, physische Schutzmassnahmen der Verteidigerinnen sowie die digitale Sicherheit. Ebenfalls müssen wir in unsere eigene Sicherheit investieren, da das CO bereits mehrmals Opfer von Einbrüchen und Diebstählen geworden ist, sei es in den Büros aber auch in privaten Wohnungen der Mitarbeitenden, mit dem Ziel die Organisation einzuschüchtern und an Informationen zu gelangen. 

Hat sich bei Euch im CO etwas verändert, seit ihr von PBI begleitet werdet?

Für die Sicherheit einer Organisation sind Faktoren wie die Sichtbarkeit ihrer Arbeit und die internationale Unterstützung entscheidend. Entsprechend hat sich die Anzahl der Attacken gegen das CO tendenziell stabilisiert, seit PBI 2016 angefangen hat, uns zu begleiten.

Wieso ist die Gewalt in Oaxaca allgegenwärtig? Wie kommt das CO damit zurecht?

Historisch gesehen, sind in Oaxaca viele soziale Bewegungen entstanden, welche für verschiedenste Rechte, wie Landrechte, Frauenrechte und Recht auf Bildung, einstehen. Da ihre Forderungen gegen politische Interessen stossen, sind sie oft Zielscheibe von direkten und indirekten Attacken. Das CO geht davon aus, dass diese Gewalt hauptsächlich auf die hohe Straflosigkeit zurückzuführen ist.

Während der Schutz von Menschenrechtsverteidigerinnen auf institutioneller Ebene in den letzten Jahren verbessert wurde, spürt man in der Realität der Verteidigerinnen keine Veränderungen. Diese kommen nicht in den Genuss der nationalen Schutzmechanismen und auch die Anzahl der Attacken hat nicht abgenommen.

Um den Schutz der Verteidigerinnen zu gewährleisten, gibt es keine allgemeingültige Lösung. Vielmehr betont das CO die Einzigartigkeit jeder Person und nimmt dazu eine ganzheitliche Perspektive ein. Das bedeutet, das die Person als Mutter, als Teil einer Gemeinschaft betrachtet werden muss und nicht lediglich in ihrer Funktion als Menschenrechtsverteidigerin.

Was hat dir deine Erfahrung als PBI-Freiwillige gebracht?

Der Freiwilligeneinsatz mit PBI von 2010 bis 2011 war trotz meines Vorwissens im Bereich Menschenrechte eine sehr lehrreiche Erfahrung. Mit PBI konnte ich viel zur Methodik lernen, insbesondere was die Analyse von Risiken und Schutz betrifft. Der Feldeinsatz ermöglicht die Sensibilisierung des eigenen Umfeldes für bedrohte MenschenrechtsverteidigerInnen. Ausserdem bleiben zahlreiche Freiwillige nach ihrem Einsatz in diesem Bereich tätig, was den Einfluss des Einsatzes auf den beruflichen Werdegang betont.

Interview von PBI durchgeführt, im Juni 2018 in Genf.